Verkrüppeltes Leben
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Körperbehinderte Gestalten in der europäischen Literatur –
und was sie uns zu sagen haben
Von Dr. phil.
Behinderte hat es schon immer gegeben – auch in der Literatur. Wir alle
kennen Oskar Matzerath aus der „Blechtrommel“ von Günter Grass oder Quasimodo,
den buckligen und tauben Glöckner von Notre-Dame aus dem gleichnamigen Roman
von Victor Hugo. Und es gibt noch viele mehr. Sie alle sind nur erdachte Wesen,
aber für uns Leser genauso lebendig wie Winnetou oder
Denn die Autoren spiegeln mit dem, was sie über
Körperbehinderte aussagen, meist den Wissensstand und die Meinungen ihrer Zeit
– und die haben sich über die Jahrhunderte hinweg deutlich verändert.
Antike
In der Antike galt jede körperliche Behinderung noch als
Strafe, die dem Betreffenden auferlegt wird und an der er selbst die Schuld
trägt. Diese Sichtweise ändert sich erst mit dem Neuen Testament. Schließlich –
so lehren Johannes und Lukas – ist auch der Missratene ein Geschöpf und ein
Ebenbild Gottes, eine Anschauung, die die lebenden Betroffenen jahrhundertelang
vor Tötung und Verfolgung bewahrte, aber auch das Mitleid festschrieb, das bis
heute die wichtigste Anschauung der Nichtbehinderten darstellt.
Mittelalter
Im mittelalterlichen höfischen Roman gibt es keine
Behinderten, denn hier wird nur das beschrieben, was die höfische Gesellschaft
als vorbildlich ansieht. Ansonsten sieht man an den zahlreichen Schwänken und
Fastnachtsspielen der Zeit zwischen 1170 und 1350, dass Behinderte damals vom
einfachen Volk nur „geduldet“ und stets verspottet wurden. Das Spätmittelalter
war fast überall in Europa eine Epoche großer Seuchen und Kriege; das
Schicksal, verstümmelt zu werden, konnte jeden treffen. Das Elend und die
Korruption der Kirche nahmen derart zu, dass die Schuldfrage und die Angst vor
bösen Mächten wieder aufkamen und Behinderte wieder getötet wurden. Selbst der
fromme Reformator Martin Luther war fest davon überzeugt, dass es Wechselbälger
gäbe – also behinderte Kinder, die der Teufel den Eltern statt gesunder Kinder
in die Wiege legte – und empfahl in einer seiner Tischreden, solche Kinder zu
töten, um die Magie des Teufels zu brechen.
Renaissance und Barock
Kennzeichnend für die Behindertendarstellung des 16. und
frühen 17. Jahrhunderts ist die Tatsache, dass Kinder aus armen Familien
verstümmelt wurden, um als Bettelkinder zu arbeiten. Manche der damals
veröffentlichten Schelmenromane, zum Beispiel „Das Leben des Lazarillo de
Tormes“, 1554 in Spanien erschienen, haben einen solchen Helden. Lazarillo geht
bei einem blinden Bettler in die Lehre und erlernt dort das Gaunerhandwerk. Der
Blinde ist aber nicht gemein, weil er behindert ist, sondern weil sein
Außenseiterdasein ihn dazu zwingt.
Shakespeares Richard III. ist ein missgestalter und lahmer
Fürst, der die Welt hasst, weil er sich selbst nicht leiden kann und der sich
mit Heuchelei, Verrat und Mord den Weg zur Krone bahnt. Behinderung erheischt
Mitleid, aber auch Selbstmitleid – erstmals interessiert man sich jetzt für die
seelischen Folgen.
Christian Friedrich Daniel Schubart schreibt in seinem
Gedicht „Der Bettlersoldat“ (1784):
„Mit jammervollem Blicke,
Von tausend Sorgen schwer,
Hink ich an meiner Krücke
In weiter Welt umher...
Bedeckt mit dreizehn Wunden,
An meine Krück gelehnt,
Hab ich in manchen Stunden
Mich nach dem Tod gesehnt.
Ich bettle vor den Türen,
Ich armer lahmer Mann,
Doch ach, wen kann ich rühren,
Wer nimmt sich meiner an?“
Es bleibt beim Mitleid, bei der Klage über ein
„verkrüppeltes“ Leben. Eine echte Chance zur Selbstverwirklichung ist für
behinderte Menschen noch lange ausgeschlossen.
Romantik
Das ändert sich erst ab 1820, auf dem Höhepunkt der
Romantik. Jetzt setzt sich zum ersten Mal eine Dichtung durch, die nicht mehr
erhaben, sondern persönlich sein will, nicht mehr idealtypisch, sondern
originell und individualistisch. Autoren schaffen behinderte Gestalten, um
darauf aufmerksam zu machen, dass sie selbst sich als Außenseiter der
Gesellschaft verstehen – oder um auszuprobieren, welche neuen
Darstellungsmöglichkeiten ihnen die Beschreibung des entstellten Körpers gibt.
So heißt es über Quasimodo:
„Seine ganze Gestalt war eine Fratze. Auf seinem dicken
Schädel sträubten sich fuchsrote Haare, zwischen den Schultern saß ein
mächtiger Buckel, der ihm sogar den Vorderkörper einhöhlte; Schenkel und Beine
waren so missgestaltet, daß sie sich nur an den Knien berührten...; und trotz
all dieser Unförmigkeit ein wahrer Protz an bedrohlicher Kraft, Wendigkeit und
Mut...“
Das „Monster“ Quasimodo, der Glöckner von Notre-Dame, hat
trotz allem eine empfindsame Seele und einen guten Charakter. Er liebt die
schöne Zigeunerin Esmeralda, aber er weiß, dass sie ihn nicht lieben kann. Hier
wird vielleicht zum ersten Mal ein Behinderter im Verhältnis zu sich selbst und
seiner Umgebung gesehen, aber die Darstellung ist noch sehr unnatürlich und
„reißerisch“.
Realismus
Die darauf folgende Epoche erstreckt sich etwa von 1830 bis
1880 und heißt heute „Realismus“, weil sie sich die Beschreibung der gelebten
Wirklichkeit zum Ziel gesetzt hat. Die Dichter des Realismus schildern, was sie
sehen – egal, ob es schön oder hässlich, normal oder ungewöhnlich ist.
Dementsprechend finden auch körperlich Behinderte als Teil des Lebens ihren
Platz in der Dichtung – übrigens auch als Nebenfiguren, wie der hinkende
Hippolyte und der blinde Bettler in Gustave Flauberts Roman „Madame Bovary“ (1857),
was ein Anzeichen für zunehmende Normalität ist.
Bei Flaubert hat die Behinderung Verweisfunktion: Wie der
klumpfüßige Hippolyte, ´hinkt´ auch Emma Bovary ihren Träumen hinterher, und
wie der blinde Bettler, der in ihrer Todesstunde auf der Straße vor ihrem Haus
frivole Lieder singt, ist das Leben für sie – und Flaubert – hässlich, grausam
und trostlos.
Naturalismus
Um 1870 beginnt die Epoche des Naturalismus. Das Interesse
an einer Beschreibung von Randgruppen hat inzwischen nicht nachgelassen, sondern
eher noch zugenommen. Autoren wie Hauptmann, Dickens, Dostojewskij, Tolstoi und
Zola teilen Flauberts Vorliebe für eine sachliche, mitleidarme Schilderung,
verbreiten aber nach wie vor die Ansicht, dass das Leben mit einer körperlichen
Behinderung nicht sehr lebenswert sei.
In Guy de Maupassants Novelle „Der Blinde“ (um 1885)
erfahren wir anhand eines blinden Bauernsohns aus der Normandie anschaulich,
wie das Leben vieler Behinderter auf dem Lande damals aussah:
„Solange Vater und Mutter lebten, sorgte man noch halbwegs
für ihn; nur unter dem furchtbaren Schicksal seiner Blindheit hatte er zu
leiden. Doch kaum waren die beiden entschwunden, so begann für ihn ein
grausames Elend. Eine Schwester nahm ihn bei sich auf, und alle auf dem Gut
behandelten ihn wie einen Bettler, der das Brot der anderen aß. Bei jeder
Mahlzeit warf man ihm vor, dass man ihn fütterte; man nannte ihn einen
Nichtstuer, einen Lumpen, und obgleich sein Schwager sich des Erbteils des
Blinden bemächtigt hatte, setzte man ihm nur ungern die Suppe vor, und gerade
nur so viel, dass er nicht verhungerte. (...) Sobald er seine Suppe gegessen
hatte, setzte er sich im Sommer vor die Türe, im Winter vor den Kamin, und so
blieb er bis zum Abend und rührte sich nicht. Keine Geste, keine Bewegung
machte er, nur die Lider, von einer Art nervösem Leiden durchzuckt, senkten
sich manchmal auf die weißen Flecke seiner Augen. Hatte er einen Geist, ein
Denken, ein klares Bewusstsein seines Daseins? Das war eine Frage, die kein
Mensch sich stellte.“
In dieser Passage wird ein Behinderter als Person
beschrieben – er ist kein Symbol mehr für etwas ganz anderes! –, und sein
trauriges Verhältnis zu seiner Umgebung wird ausführlich skizziert. Die ganze
Gesellschaft ist inzwischen noch mehr als früher auf Gelderwerb ausgerichtet,
was zu seiner Isolation noch beiträgt.
Der Roman „Germinal“ (1885) von Emile Zola spielt im
Bergarbeiter-Milieu. Die Kinderarbeit unter Tage ist erbarmungslos hart;
lediglich die bucklige kleine Alzire bleibt davon befreit. Trotz ihres Handicaps
wird sie von ihrer Familie geliebt und normal behandelt, was man von ihrer
Umgebung aber nicht sagen kann:
„Man beglückwünschte die Mutter zu diesem für sein zartes
Alter so verständigen Mädchen. Niemand sprach von dem
Höcker; Mitleid und Unbehagen zugleich drückten sich in den
Blicken aus, die sich immer wieder nach dem armen, gebrechlichen Wesen
wandten.“
Ich habe diese Stelle ausgewählt, weil sie gleich vier der
gängigsten Verhaltensweisen und Vorurteile gegenüber Körperbehinderten nennt:
die Annahme, dass ein physisches Gebrechen durch seelische
Reife ausgeglichen werden kann,
das Verschweigen und Tabuisieren der Behinderung,
das Anstarren und
das Mitleid, das kein echtes Verständnis aufkommen lässt.
Für die Schriftsteller jener Zeit sind die Behinderten die
Opfer einer bornierten, geldgierigen, unsozialen Gesellschaft, in der schon der
Gesunde, wenn er nicht gerade reich ist, ums Überleben kämpfen muss.
Das 20. Jahrhundert
Quasimodo, Hippolyte und viele andere finden wegen ihrer
Behinderung keine Partnerin. Das gleiche Problem hat der Held von Thomas Manns
Erzählung „Der kleine Herr Friedemann“ (1898). Johannes Friedemann ist klein
und verwachsen. Früh lernt er, dass er nicht alle Möglichkeiten seiner
Altersgenossen hat:
„Es kam die Zeit, wo er sie auf dem Schulhofe oft von
gewissen Erlebnissen sprechen hörte; aufmerksam und mit großen Augen lauschte
er, wie sie von ihren Schwärmereien für dies oder jenes kleine Mädchen redeten,
und schwieg dazu. Diese Dinge, sagte er sich, von denen die anderen sichtlich
ganz erfüllt waren, gehörten zu denen, für die er sich nicht eignete, wie
Turnen und Ballwerfen.“
Er verliebt sich in eine Bekannte und bringt sich
schließlich aus Liebeskummer um. Das gleiche tun die blinde Gertrude in André
Gides „Pastoralsymphonie“ (1919) und die gelähmte Edith in Stefan Zweigs Roman
„Ungeduld des Herzens“ (1939). Aber es geht auch anders: Der durch Unfall
erblindete Heinrich Mittenhaufen in Walter Jens´ Erzählung „Der Blinde“ von
1951 beschließt, sein neues Leben anzunehmen, so schwer es auch sein mag, und
der durch seine Riesennase verunstaltete Cyrano de Bergerac in der
gleichnamigen Komödie von Edmond de Rostand (1897) macht sich als erster ganz
selbstbewusst über seine Behinderung lustig – und über die Reaktionen der Nichtbehinderten!
Zusammenfassung
Vom Monstermenschen Quasimodo bis heute – das sind 170
Jahre, in denen der Behinderte vom hilf- und würdelosen, verachteten
Ausgestoßenen zu einem (fast) normalen Mitglied der Gesellschaft geworden ist.
Inzwischen haben sich Film und Fernsehen des Themas angenommen – in der
Literatur kommt es kaum noch vor. Ob das Verschwinden behinderter Personen aus
der Dichtung ein Beweis für mehr Normalität im Umgang miteinander ist, ist
schwer zu sagen. Zu wünschen wäre es jedenfalls.
Literaturtipps zum Selberlesen:
Edmond
Rostand, Cyrano von Bergerac. Taschenbuch, Reclam 1986, 4,00 EUR
Victor Hugo, Der Glöckner von Notre-Dame. Taschenbuch, Insel
Verlag 2002, 11,-- EUR
Gustave Flaubert, Madame Bovary. Reclam Verlag Leipzig 2003,
8,90 EUR
Thomas Mann, Der kleine Herr Friedemann (Novelle). Fischer
Verlag, 10,-- EUR
André Gide, Die Pastoralsymphonie. Taschenbuch, Reclam
Verlag. 2,60 EUR
Hinweis
„Verkrüppeltes Leben!?“ ist die Kurzfassung eines
25-Seiten-Vortrages von Dr. phil
Weitere Informationen unter eMail: T.Kleinau@t-online.de
Internet: www.kleinau-translations.de